Anlagestrategien im Nullzinsumfeld

Bereits seit den 90er Jahren lebt Japan mit einer Verschuldung von weit über 200% des japanischen Bruttoinlandsprodukts. Seit dieser Zeit zahlt der japanische Staat dank willfähriger Unterstützung durch die Zentralbank seinen Gläubigern quasi keine Zinsen mehr. Seit der Finanzkrise 2008 ist auch in Europa der Zins kontinuierlich gefallen und mittlerweile sogar für kürzere Laufzeiten negativ. Mit der Corona Krise sind nun auch die letzten Hüllen gefallen und auch die USA haben sich nun so massiv verschuldet, dass der Zentralbankzins fast auf die Null-Linie gefallen ist. Viele Krisenapostel fühlen sich bestätigt und warten darauf, dass das Kartenhaus nun endgültig zusammenbricht und die Staaten bald bankrott anmelden. Das Kernargument: Wenn die Anleger*innen den Staaten das Vertrauen entziehen steigen die Zinsen, was die Staatshaushalte dann überfordert und eine Staatspleite nach sich zieht. Was für jeden Bürger, jedes Unternehmen und auch einen einzelnen Staat richtig ist, muss aber für die Gemeinschaft der wichtigsten Weltstaaten nicht gelten. Wenn die Zentralbanken der USA, von Europa, Japan und selbst von China sich notgedrungen einig sind, alle Staatsanleihen selbst aufzukaufen, dann braucht es keine Anleger*innen mehr, um diese Staatshaushalte zu refinanzieren. So fließen die privaten Investitionen immer weniger in die zinslosen Rentenmärkte und werden schrittweise durch die Zentralbankgelder ersetzt.

Was bedeutet dieses Szenario nach unserer Einschätzung für die verschiedenen Anlageklassen?

  1. Festverzinsliche Anlagen
    Sofern es in diesem Umfeld wirklich noch Zinsen zu verdienen gibt, ist hier ein erhöhtes Risiko zwangsläufig zu erwarten. Die Risiken dieser Anlagen zu beurteilen, ist eine Aufgabe für Profi’s. Über Lebensversicherungen, Sparverträge und Altbestände sind aber gerade die deutschen Anleger in diesem Segment immer noch viel stärker engagiert, als ihnen lieb sein sollte. Hier ist für eine lange Zeit nur noch wenig „Most zu holen“, so dass langfristige Anlagegelder nur noch in Ausnahmen in diesem Segment investiert sein sollten, z.B. bei Rentenauszahlplänen.
     
  2. Immobilien
    Die sinkenden Zinsen haben die Immobilienpreise in den letzten Jahren deutlich steigen lassen. Auch wenn die Zinsen nun auf sehr lange Zeit sehr niedrig bleiben werden: Für eine Baufinanzierung ist der Zinssenkungsspielraum mittlerweile aufgebraucht, so dass aus diesem Grund heraus kein Preissteigerungspotenzial für Immobilien mehr erwächst. Die Mieten sind zwar in den letzten Jahren auch sehr deutlich gestiegen, allerdings sind in vielen Städten die Immobilienpreise den Mieten weit voraus galoppiert. Im aktuellen Umfeld findet das Mietsteigerungspotenzial seine Grenzen: Schon vor Corona stieg der politische Druck (Mietenbremse, Mietendeckel) auf die Vermieter von Wohnimmobilien und nun zeichnet sich mindestens bei den Gewerbeimmobilien in den Zentren eine Konsolidierung ab. Vor diesem Hintergrund sind nur solche Immobilien noch für Neuengagements interessant, die bereits jetzt eine akzeptable Mietrendite ausweisen. Angesichts der Arbeit, die eine Immobilienverwaltung nach sich zieht und der Risiken von Mieterausfall und Reparaturen, muss der Kauf einer Immobilie als Geldanlage gut überlegt sein. Ungeachtet dessen bleibt die Immobilie als Eigenheim natürlich weiter ein attraktives Ziel für die meisten Familien. 

  3. Aktien
    Obwohl die finalen Auswirkungen der Pandemie auf die Weltwirtschaft noch immer nicht klar sind, halten wir Aktien auch in Zukunft für die aussichtsreichste Anlageklasse: Während es für die Anleihen der defizitären Staaten ja noch nicht mal feste Zinsen gibt, sprudeln die Gewinne der Unternehmen immer weiter. Diese Gewinne sorgen bei den Unternehmen entweder für Dividenden oder für Wertzuwächse, was somit jedem Aktionär zu Gute kommt. Auch wenn sich das zunehmend „falsch“ anfühlt, sein Geld auf Google, Amazon und Microsoft zu setzen: Im Konflikt zwischen den finanziellen und ethischen Bedürfnissen sind auch die Anleger*innen zu Kompromissen gezwungen.
    Natürlich gibt es auch viele Unternehmen mit sinnvollen Geschäftsmodellen, allerdings sind die Risiken dieser Investitionen gut abzuwägen. Von daher ist die Auswahlentscheidung bei Aktien komplex und vor allem auch mit Blick auf die Frage des Einstiegszeitpunkts und der Beherrschung der Schwankungen nicht trivial.

  4. Gold
    Als Krisenwährung hat Gold immer einen berechtigten Anteil in einem gut gestreuten Anlageportfolio. Die aktuellen historischen Höchstkurse sind jedoch nicht nur durch eine besonders hohe Nervosität der Investor*innen zu erklären. Unabhängig von der Einschätzung, ob der Systemzusammenbruch nun vor der Türe steht oder nicht: Gold dient über Jahrtausende als Wertaufbewahrungsmittel mit Inflationsschutz. Wenngleich die Zinsen niedrig bleiben, werden die Verbraucherpreise aufgrund der weltweit steigenden Geldmenge mit hoher Wahrscheinlichkeit weiter steigen. Diese Kombination aus niedrigen Zinsen und Inflationssorgen ist der optimale Nährboden für Wertzuwächse beim Gold. Aus diesem Grunde halten wir die Beimischung von Gold trotz der aktuellen Kursentwicklung weiterhin für sinnvoll. Neben den Fragen von Gewichtung und Einstiegszeitpunkt sind aber auch die Fragen von Anlageform und Lagerung ein Beratungsgespräch wert.

Eine konkrete Anlageempfehlung ist ohne Kenntnis der persönlichen Bedürfnisse und Voraussetzungen nicht möglich, jedoch können Ihnen diese grundsätzlichen Überlegungen vielleicht schon helfen, aus der Schockstarre heraus zu treten und ihre finanziellen Entscheidungen aktiv zu treffen. Gern unterstützen wir Sie dabei.

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